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In Lateinamerika hält sich die Freude über den Sturz Ghaddafis in Grenzen.

Von André Scheer

Wäh­rend welt­weit die meisten Mas­sen­me­dien bereits den Sturz des liby­schen Staats­chefs Muammar Al-​Ghaddafi gefeiert haben, halten zahl­reiche Regie­rungen in Lateinamerika und Afrika an ihrer Ver­ur­tei­lung der NATO-​Intervention gegen das nord­afri­ka­ni­sche Land fest.

»Der Impe­ria­lismus bringt die Völker dazu, sich wie Hunde zu bekämpfen, bewaffnet Gruppen hier und dort, um sie anschlie­ßend zu bom­bar­dieren und das Land zu besetzen und sich ihre Reserven und ihr Erdöl anzu­eignen«, erklärte Vene­zuelas Prä­si­dent Hugo Chávez am Dienstag (Orts­zeit) in Caracas. Seine Regie­rung werde in Libyen keine Regie­rung aner­kennen, »die in Folge dieser impe­ria­lis­ti­schen Aggres­sion instal­liert« werde. Die ein­zige legi­time Füh­rung des Landes sei die von Muammar Al-​Ghaddafi.

In Managua erklärte Bayardo Arce, der als Wirt­schafts­be­rater dem Kabi­nett von Prä­si­dent Daniel Ortega ange­hört, die nica­ra­gua­ni­sche Regie­rung werde einem Asyl­an­trag Ghad­dafis statt­geben, sollte dieser gestellt werden. »Wenn uns jemand um Asyl bitten würde, müßten wir dies positiv erwägen, denn unser Volk erhielt in vielen Län­dern Asyl, als uns die Somoza-​Diktatur ermor­dete. Nun müßten wir uns logi­scher­weise ebenso ver­halten, wie wir dies ja auch schon getan haben«, sagte Arce. Zugleich erklärte er jedoch, er halte einen sol­chen Asyl­an­trag des liby­schen Staats­chefs prak­tisch für aus­ge­schlossen, denn er wisse nicht, wie Ghad­dafi in das zen­tral­ame­ri­ka­ni­sche Land gelangen sollte: »Wir haben in Libyen nicht einmal eine Bot­schaft.«
Nica­ragua war in den ver­gan­genen Monaten inter­na­tional zu einem der wich­tigsten Ver­bün­deten der liby­schen Regie­rung geworden. Nachdem Libyens UN-​Botschafter Abdu­rahman Shalgam zu den Auf­stän­di­schen über­ge­laufen war und Washington seinem von Tri­polis ernannten Nach­folger Ali Treki die Ein­reise ver­wei­gerte, hatte Nica­ra­guas frü­herer Außen­mi­nister Miguel d’Escoto auf Bitten der liby­schen Regie­rung im März die Ver­tre­tung des nord­afri­ka­ni­schen Landes bei den Ver­einten Nationen übernommen.

Die den regie­renden San­di­nisten nahe­ste­henden Medien hatten auch in den ver­gan­genen Tagen keinen Hehl aus ihrer Sym­pa­thie für den Wider­stand der liby­schen Regie­rungs­truppen gegen NATO und Rebellen gemacht. Die Oppo­si­tion des Landes wertet des­halb den abseh­baren Sturz Ghad­dafis auch als Nie­der­lage Ortegas. In der stramm rechten Ta­geszeitung La Prensa äußerte deren Kom­men­tator Luís Sán­chez Sancho sogar die Hoff­nung, »wie der Fall der Ber­liner Mauer« könne der Sturz Ghad­dafis weg­wei­send für einen erneuten Sturz Ortegas sein. Nach dessen Wahl­nie­der­lage 1990 habe Ghad­dafi sogar dessen pri­vaten Lebens­un­ter­halt finan­ziert und ihm auch den Wahl­kampf 2006 bezahlt, behaup­tete Sánchez.

In Quito unter­strich die Regie­rung Ecua­dors, das Schicksal Libyens müsse durch das Volk des nord­afri­ka­ni­schen Landes ent­schieden werden, »und nicht durch eine Mili­tär­al­lianz, die dort mit Tau­senden Bom­ben­an­griffen ein­dringt, um sich in bester Kolo­ni­al­tra­di­tion das Erd­öl­ge­biet eines Landes einzuverleiben«.

Der für Asien, Afrika und Ozea­nien zustän­dige Staats­se­kretär im ecua­do­ria­ni­schen Außen­mi­nis­te­rium, Rafael Quin­tero, zeigte sich besorgt über die Ver­let­zung inter­na­tio­naler Abkommen und der Men­schen­rechte in Libyen und warnte, daß dies als »Modell« dienen könne, um später auch in anderen Län­dern zu inter­ve­nieren. Er for­derte einen sofor­tigen Rückzug aus­län­di­scher Truppen aus Libyen.

(Junge Welt)

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