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„Wir wollen die Deutschstämmigen zurück“-Rezension eines Buches über die Aktion „Rückgewinnung“ der Rumäniendeutschen

Uwe Detemple

(Tlaxcala)

Infolge des so genannten Wirtschaftswunders sah sich die westdeutsche Wirtschaft ab Ende der 1950er Jahre mit einem massiven Arbeitskräftemangel konfrontiert. Dem wirkte man mit der Anwerbung von Arbeitskräften aus Südeuropa, Nordafrika und der Türkei entgegen. Die Engpässe verstärkten sich ab 1961 noch, da – bedingt durch den Mauerbau in Berlin – der Arbeitskräftezustrom aus der DDR versiegte. Die BRD unternahm ab diesem Zeitpunkt zahlreiche Demarchen bei allen osteuropäischen Staaten mit deutscher Minderheit. Nach Rumänien schickte die Bundesregierung Emissäre – die Juristen Ewald Garlepp und Heinz Günther Hüsch –, die die Aufgabe hatten, so viele Rumäniendeutsche wie möglich aus Rumänien herauszuholen, da diesen eine außergewöhnliche Arbeitsethik und hohes Integrationspotential zugeschrieben wurde. Trotz der vorgeblichen humanitären Mission (Familienzusammenführung, Heiratsgenehmigungen), wurde Hüsch, wie aus den Aufzeichnungen der Securitate hervorgeht, mitunter deutlich: »Wir wollen die Deutschstämmigen zurück.« Dafür war Deutschland gewillt, Ausgleichszahlungen für dem rumänischen Staat entstandene Kosten für die Schulbildung der Auswanderer und den Rumänien entstandenen wirtschaftlichen Schaden zu leisten. Die Initiative ging dabei stets von deutscher Seite aus. Auch nach dem Anwerbestopp 1973 forderte Deutschland von Rumänien mit Nachdruck die Intensivierung der Auswanderungen.

Parallel mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Rumänien stieg der Auswanderungswille bei immer mehr Betroffenen an. Seit dem Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahr 1978 verfiel die deutsche Minderheit in eine regelrechte Auswanderungspsychose. In seiner Analyse über die Faktoren, die die Massenauswanderung der Rumäniendeutschen beeinflusst haben, identifiziert der Historiker Hans-Christian Maner neben den generellen politischen Rahmenbedingungen vor allem »wirtschaftliche Überlegungen und die Verlockungen des Reichtums der bundesrepublikanischen Gesellschaft«.

Offizieller Besuch des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt, in Rumänien. Während der Begegnung zwischen Präsident Nicolae Ceaușescu und dem Bundeskanzler (6.-7.1.1978). Foto #BA238, Fototeca online a comunismului românesc [Online-Photothek des rumänischen Kommunismus], ANIC, 8/1978.  (2011-07-28).

Früh erkannte der Dichter und Vorsitzende des Rates der Werktätigen deutscher Nationalität im Kreis Temesch, Nikolaus Berwanger, die existenzbedrohenden Folgen, die mit der so genannten Familienzusammenführung für die Deutschen in Rumänien am Horizont sichtbar wurden. Mit historischer Weitsicht warnte er, dass das »großartige Kolonisationswerk des alten Österreich« (sic) zugrunde gehen werde, wenn die Auswanderung nicht gestoppt würde. Berwanger setzte sich vehement für den Verbleib der deutschen Minderheit in Rumänien ein. Er argumentierte, dass die Deutschen, die seit ihrer Ansiedlung mehrmals mit harten Schicksalsschlägen konfrontiert wurden, auch die Zeit der Diktatur überstehen werden. Diese Perspektive war durchaus realistisch. Als das Ceaușescu-Regime 1989 gestürzt wurde, beteiligte sich die deutsche Minderheit aktiv an der Revolution, sie hatte auch Tote und Verletzte aus ihren Reihen zu beklagen. Mit der neu gewonnenen Freiheit wusste sie aber nichts anzufangen; sie sah nur das »offene Tor«. Unter diesen Umständen verhallten die Appelle der Revolutionäre vom Balkon der Oper in Temeswar, die schon am 20. Dezember »Gleichheit zwischen allen Nationalitäten« forderten und die Deutschen zum Bleiben aufriefen, vergeblich. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das eigentliche Interesse der großen Mehrheit der Rumäniendeutschen nicht primär auf den Erhalt der eigenen Identität oder dem Leben in einer freien, demokratischen Gesellschaft galt, sondern auf rein ökonomische Gesichtspunkte, auf den erhofften Wohlstand in Deutschland, fixiert war: Gleich nach dem Sieg der Revolution verließen 111 150 Deutsche fluchtartig das Land!

Als Ergebnis der 28 Jahre andauernden Zusammenarbeit der deutschen Seite mit der Securitate sind im Zeitraum 1962-1989 ca. 230 000 Deutschstämmige nach Westdeutschland ausgewandert. In den Geheimverhandlungen wurden nicht nur Ausgleichszahlungen an Rumänien in Höhe von – geschätzt – über einer Milliarde DM vereinbart, sondern auch die Lieferung von leistungsfähiger Überwachungstechnik an den rumänischen Geheimdienst. Die Förderng der massiven Auswanderung durch die Praxis der Kopfgeldzahlungen an das Ceaușescu-Regime erwies sich als Fortsetzung der Umsiedlungs- und Evakuierungsaktionen in den 1940er Jahren, als im Rahmen von Hitlers »neuer Ordnung der ethnographischen Verhältnisse«[1] in Europa 231 000 Rumäniendeutsche aus Bessarabien, der Bukowina, der Dobrudscha, Nordsiebenbürgen und dem Banat »heim ins Reich« geholt wurden. Staatliche deutsche Stellen trugen so entscheidend zum (fast vollständigen) Verschwinden des deutschen Bevölkerungsanteils Rumäniens bei. Diese Erkenntnis ist für manche vielleicht unbequem – das Buch »Acțiunea „Recuperarea”« dokumentiert jedoch diesen Sachverhalt eindrucksvoll auf fast 1000 Seiten.

[1] Die Umsiedlungsaktionen haben ihren Ursprung in Adolf Hitlers Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 zum Zerfall des polnischen Staates infolge der deutschen Besetzung. Darin äußerte er, das im „Zeitalter des Nationaliätenprinzips und des Rassegedankens“ eine „neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse“ notwendig sei. Das bezog er nicht nur auf den Raum Polen, sondern sprach auch vom weiteren Osten und Südosten Europas, der mit „nichthaltbaren Splittern des deutschen Volkstums“ gefüllt sei.(wikipedia)Florica Dobre, Florian Banu, Luminița Banu, Laura Stancu

Acțiunea „Recuperarea”. Securitatea și emigrarea germanilor din România (1962-1989) [Aktion „Rückgewinnung”. Die Securitate und die Auswanderung der Rumäniendeutschen (1962-1989)].

Bukarest: Editura enciclopedică 2011. 943 Seiten. ISBN 978-973-45-0628-6.

4 Comentarios

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  1. Uwe Detemple / Foto

    Offizieller Besuch des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt, in Rumänien. Während der Begegnung zwischen Präsident Nicolae Ceaușescu und dem Bundeskanzler (6.-7.1.1978). Foto #BA238, Fototeca online a comunismului românesc [Online-Photothek des rumänischen Kommunismus], ANIC, 8/1978. http://fototeca.iiccr.ro/picdetails.php?picid=44724X5179X5732

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  2. Dr. Hüsch / wirwollen..

    Die Schlussfolgerung des Verfassers, die Bunderepublik habe den Wegzug der Deutschen aus Rumänien eingeleitet und betrieben, ist falsch. Dazu verschweigt Recuperarea ebenso wie der Verfasser viele Vorgänge, die deutlich machen, dass in jedem einzelnen Fall eine von der Bundesrepublik nicht beeinflusste Entscheidung des Ausreisenden erfolgte. Fast immer durch das Verhalten Rumäniens motiviert. In der Dorkumentation fehlen viele Einzelheiten, die die Geldgier der Securitate und die Pressionen auf die deutsche Seite belegen.

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  3. Huesch / Dr.jur,Rechtsanwalt

    Ich widerspreche einigen Stellen des Berichts:
    Das deutsche Motiv war nicht die Gewinnung von Arbeitskräften sondern die Familienzusammenführung und die Befreiung aus der kommunistischen Herrschaft und von der Benachteiligung der Deutschen.
    Zu keinem Zeitpunkt sind erkennungsdienstliche Materialen von mir als dem dt.Verhandlungsführer oder in Zusammenhang mit diesem Vorgang geliefert worden.
    Die rum. Seite konnte sich solches Materialen in Europa jederzeit selbst besorgen. Entgegen stehende undeutliche Anwürfe in Recuperarea sind falsch.he

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    • Elisabeth Anton

      Sehr geehrter Herr Dr. Huesch,
      die Zeit vergeht, ich warte noch immer auf eine Darstellung, die annähernd die Wahrheit beschreibt. Wenn es so gewesen, dass man bemüht war, die Familien wieder zusammen zu bringen, frage ich mich, warum manch einer, trotz all Ihrer Besuche in Rumänien, fast 20 Jahre auf seine Ausreisegenehmigung warten musste? Nicht nur warten, sondern all die Schikanen noch ertragen, weil man ausreisen wollte. Ich denke, es ist an der Zeit, mal endlich Klartext zu reden. Von Anfang an, all Ihre Reisen, sie dienten mehr den Heuchler der Diktatur als den Deutschen, die ausreisen wollten. Ich wünsche mir sehr, dass endlich mal Wahrheit gesprochen wird, über diese ehrlichen Deutschen aus Rumänien, über diese abartigsten Machenschaften der Securitate, in dieser sadistischen Diktatur der damaligen Zeit. Ich hatte nie das Gefühl, und meine Großeltern schon gar nicht, dass sich all die Jahre, auch nur irgendwer um die Ausreise der Deutschen wirklich eingesetzt. Ihre Verhandlungspartner wurden reich, jene die ausreisen wollten arm. Wer hat entschädigt? Wer hat sich jemals um diese Sparte gekümmert? Die Machenschaften der Securitate, der Passbehörden, die waren allen bekannt, aber keiner, niemand hat sich jemals um diesen Kampf überhaupt interessiert, wie bitter manch einer um seine Ausreise kämpfen musste. Ich wünsche sehr, dass mal alle Farbe bekennen, bevor, mal wieder, Gras drüber wächst.

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