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Ist Jamaika nicht mehr das schnellste Land der Welt?

deporte jamaicaMan könnte das Finale der 4×100 m Staffel der Männer bei den Weltmeisterschaften von London als das Ende einer Ära interpretieren. Der Pistensturz des schnellsten menschlichen Wesens aller Zeiten, des Mannes, der das „goldene Jahrzehnt“ der Geschwindigkeit in Jamaika einläutete – einer kleinen karibischen Insel, die es schaffte, die Dynastie des reichsten Landes der Welt zu unterbrechen – repräsentierte symbolisch die Abenddämmerung für die „Reggae Boys“ (und „Girls“), das Ende einer Phase, in der sie die Welt mit ihrem unerschöpflichen Fundus an Feuerwerksraketen verblüfften.

Usain Bolt verabschiedete sich auf eine Weise, die niemand ihm gewünscht hätte. Sieben Tage zuvor hatte er zum ersten Mal bei Weltmeisterschaften wie Olympischen Spielen die Rücken seiner Rivalen im 100 m Endlauf gesehen. Sein einziger Reinfall bis dahin datierte von der WM in Daegu 2011, wo er über 100 m wegen eines Fehlstarts disqualifiziert wurde. (Gold über diese Strecke holte dann statt seiner bezeichnenderweise sein Landsmann Johan Blake).

Seit den Olympischen Spielen von Rio 2016 spürte der Ausnahmesprinter, dass sein Nimbus nicht ewig halten würde. Deshalb war London dazu auserkoren, die letzte Etappe für den höchstdekorierten Leichtathleten der Geschichte zu werden, der es auf insgesamt acht olympische und elf WM Titel brachte.

In der britischen Hauptstadt zeigte Bolt seine „menschliche Seite”. Seit 2008 war dies mit 9,95 Sek sein langsamstes Finale bei großen Wettbewerben, „begünstigt“ durch seinen bekanntermaßen schwachen Start, der mit einer Reaktionszeit von 0:183 sogar noch hinter denen von Peking 2008, London 2012 und Moskau 2013 zurückblieb.

„Ich habe getan, was ich konnte, aber mein schlechter Start wurde mir dieses Mal zum Verhängnis. Normalerweise hole ich das im Verlauf des Rennens wieder auf, aber diesmal nicht. Darum habe ich verloren“, sagte das jamaikanische Phänomen. Usain Bolt konnte einfach nicht das gewohnte Potential abrufen, mit dem er von der Mitte des Laufes an stets seinen Kontrahenten unwiderstehlich davonzuziehen pflegte. Andererseits entwertet dieser Abschied mit Bronze nicht seine außerordentliche Karriere.

Von den 33 Bestmarken in der Geschichte der 100 Meter flach wurden allein neun durch den Athleten erzielt, die nie positiv auf Doping getestet wurde.

Der „Blitz” war eine lebende Herausforderung an die Physis, die Biomechanik und die Historie dieses Sportes, aber anscheinend hat er mit seinem eigenen sportlichen Ende den Schlusspunkt für eine Periode gesetzt, in der Jamaika die Supermacht in der Welt des Sprints darstellte.

Bolts Niederlage verband sich mit der seiner Landsmännin Elaine Thompson auf den 100 m der Frauen. Die Olympiasiegerin von Rio landete nur auf Platz 5 mit 10,98 Sek, ähnlich der Ivorerin Murielle Ahoure, die Vierte wurde. Das Rennen wurde geprägt von dem packenden Duell zwischen Torie Bowie aus den USA (10,85 Sek) und der auch von der Elfenbeinküste stammenden Marie Josee Ta Lou (10,86 Sek), während die Niederländerin Dafne Schippers mit 10,96 Sek Bronze gewann.

Zum ersten Mal seit dem Jahr 2005 blieb das jamaikanische Team ohne Goldmedaille auf den „reinen“ Sprintstrecken. 2007 waren bei den Weltmeisterschaften von Osaka zwar Jamaikas Männer ohne Titel geblieben, aber da hatte Verónica Campbell-Brown Gold gewonnen. Von da an hatten sich jamaikanische Sprinter bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen nie mehr ein Diadem entgehen lassen.

In London nun gab es, um dem Negativen die Krone aufzusetzen, in beiden Finals über 200 m keine Teilnahme aus Jamaika.

Für ein ganzes Jahrzehnt hatte Jamaika den Vereinigten Staaten die Hegemonie in einer Disziplin entrissen, in der deren Vorherrschaft festgeschrieben schien. Seit der ersten Leichtathletik-WM im Jahre 1983 haben die USA 15 Goldmedaillen über 100 m geholt, 8 die Männer und 7 die Frauen. Dem gegenüber stehen 8 Goldmedaillen Jamaikas, je 4 für beide Geschlechter, alle von der WM in Helsinki 2005 an. In London haben die Vereinigten Staaten wieder ihren – wie es scheint – angestammten Platz angetreten.

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