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	<title>Cubadebate (Deutsch) &#187; John Catalinotto</title>
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		<title>11.9: »Mir war sofort klar, dass das Krieg bedeutet«- Gespräch mit John Catalinotto</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Sep 2011 18:44:29 +0000</pubDate>
<dc:creator>Cubadebate</dc:creator>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[John Catalinotto]]></category>

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		<description><![CDATA[Über die Anschläge auf das World Trade Center vor zehn Jahren und die Folgen, die Zweifel an der offiziellen Darstellung der Bush-Regierung und das Erstarken der Antikriegsbewegung. ]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong> Rüdiger Göbel </strong></p>
<p><span> Traducido por <strong> Jürgen Heiser </strong> </span></p>
<p>(Tlaxcala)</p>
<p><strong><img class="alignleft size-full wp-image-2480" src="/files/2011/09/John-Catalinotto.jpg" alt="" width="300" height="250" />Nine-Eleven gilt als Zäsur in der jüngeren  Geschichte. Wo waren Sie am Morgen des 11. September 2001, als Flugzeuge  in die Türme des World Trade Center rasten?</strong></p>
<p><span>Damals hatte ich eine Vollzeitbeschäftigung bei  einer Krankenversicherung in Turm 1 des World Trade Centers. Unsere  Abteilung befand sich im 31. Stockwerk. Arbeitsbeginn war 8.45 Uhr, und  das erste Flugzeug schlug um 8.46 Uhr in dem Gebäude ein. Ich hatte  Glück. Wir hatten gleitende Arbeitszeit, und für gewöhnlich fing ich  spät an und machte spät Schluss. Ich hatte am Vorabend sehr lange  gearbeitet, und an dem Morgen blieb ich länger zu Hause, um einen  Artikel für meine Zeitung, die Workers World, zu redigieren. Ich war  noch damit beschäftigt, als der Flieger einschlug. Die fünf Kilometer  von meiner Wohnung in Chelsea zum WTC ging ich oft zu Fuß am Hudson  River entlang. Weil dieser Dienstag morgen ein so herrlich klarer Tag  war, wäre ich normalerweise sicher auch zu Fuß gegangen.</span></p>
<p><strong>Wie und wann haben Sie von den Anschlägen erfahren?</strong></p>
<p>Um 9.00 Uhr, als ich gerade meine Wohnung verließ, rief mich mein  Schwager an. Er sagte: »Gut, dass du noch zu Hause bist. Du arbeitest  doch im World Trade Center, oder?«</p>
<p>»Ja, warum – hat es jemand in die Luft gejagt?« antwortete ich. 1993  hatte es in Turm 1 des WTC schon einmal eine Explosion gegeben, weswegen  ich überhaupt nicht froh darüber war, dass die Versicherung dorthin  zog, auch wenn man von dort oben einen wunderbaren Ausblick auf den New  Yorker Hafen hatte.</p>
<p>Zuerst nahm ich an, dass es ein Unfall mit einer kleinen Maschine war.  Ich habe sogar auf der Arbeit angerufen, um zu fragen, ob ich kommen  soll, aber es nahm niemand ab. Während ich dann meine Verwandten anrief,  um ihnen zu versichern, dass ich wohlauf war, hörte ich im Radio, dass  die zweite Maschine in Turm 2 eingeschlagen war und eine dritte in das  Pentagon. Mir war sofort klar, dass das Krieg bedeutete.</p>
<p><strong>Haben Sie Angehörige oder Freunde verloren?</strong></p>
<p>Fast alle von den 3000 Toten waren Leute, die sich entweder in den  Stockwerken über der Einschlagstelle der Maschine befanden, die als  Passagiere in den Flugzeugen saßen oder die zu den Einsatzkräften von  Feuerwehr und Polizei gehörten, die sich in den Türmen befanden, als sie  einstürzten. Bei der Krankenversicherung arbeiteten etwa 1800 Leute.  Davon hatte ungefähr die Hälfte das Büro erreicht, als es passierte.  Dreizehn starben, von denen ich nur einen namentlich kannte. Ich hatte  ihm alle drei Monate Daten zu übergeben. Einer meiner engsten Kollegen  stand draußen und sah hoch zu dem Feuer in Turm 1, als die zweite  Maschine in Turm 2 einschlug. Neben ihm stand eine Frau, die von einem  herabstürzenden Rad der Maschine getroffen und getötet wurde. Mein  Kollege mußte über ihren Körper springen, um von dort wegzukommen.</p>
<p><span><strong>Was waren Ihre ersten Reaktionen? Wen haben Sie ad hoc verantwortlich gemacht?</strong></span></p>
<p>Als ich begriffen hatte, dass es kein Unfall war, war mir sofort  klar, dass die Bush-Regierung die Anschläge als Rechtfertigung dafür  ausnutzen würde, in den Krieg zu ziehen. Ich setzte mich mit meinen  Genossen von unserer Wochenzeitung in Verbindung und plädierte dafür,  uns umgehend zu treffen, um den Inhalt der nächsten Ausgabe zu ändern  und die Regierung politisch anzugreifen. Es machte keinen großen  Unterschied, wer direkt verantwortlich war. Es hatte zuvor schon  Anschläge auf das US-Kriegsschiff USS Cole gegeben, als es nahe dem  Hafen von Aden (Jemen) vor Anker lag, und noch davor gegen die  US-Botschaft in Kenia. Die meisten Leute glaubten, dass die aktuellen  Anschläge von den gleichen Kräften verübt worden waren. Ich sah es als  unausweichlich an, dass die US-Regierung das Trauma, das die Anschläge  für die Bevölkerung bedeuteten, ausnutzen würde, um das Land für den  Krieg zu mobilisieren. Außerdem hatte ich Angst, es könnte weitere  Anschläge geben. Nur weil ich die Ereignisse politisch interpretieren  konnte, machte mich das noch lange nicht immun gegen die Gefühle, die  damals alle in New York hatten.</p>
<p>Mit  den Jahren hat sich eine »Wahrheitsbewegung« herausgebildet, die die  offizielle Darstellung der Anschläge in New York und Washington in Frage  stellt, von deren Billigung durch US-Geheimdienste ausgeht, wenn nicht  gar einen kompletten »inside job« unterstellt. Wie verbreitet sind deren  Ansichten in den USA, was ist davon zu halten?</p>
<p>Es ist eine gesunde Haltung, den herrschenden Kreisen und den  Medienkonzernen in den USA zu misstrauen. Die lügen immerfort. Sie sind  auch zu den abscheulichsten Verbrechen fähig, wie sie erst kürzlich in  Irak, Afghanistan und Libyen bewiesen haben. Deshalb hegten viele  progressive Menschen Argwohn gegenüber den offiziellen Erklärungen, die  ihre Fragen nicht zufriedenstellend beantworteten.</p>
<p>Zudem gab es immer schon eine vielschichtige Beziehung zwischen dem  US-Imperialismus und Gruppen wie Al-Qaida. Washington setzte sie in  Afghanistan gegen die Sowjetunion ein und rüstete sie auf. In Irak  provozierte Al-Qaida sektiererische Kämpfe und erschwerte es dem  irakischen Widerstand, sich zu vereinigen. Außerdem war es auch  nützlich, Al-Qaida zu einer Zeit als »den Feind« zur Verfügung zu haben,  als es für die Imperialisten keinen ernsthaften Rivalen mehr gab, wie  es zuvor noch die Sowjetunion war. Diese Gruppen greifen aber auch  US-Ziele an, und es waren US-Streitkräfte, die erst kürzlich Al-Qaidas  Anführer hinrichteten. Berücksichtigt man all das, dann könnte man  glauben, dass innerhalb der US-Geheimdienste jemand Kenntnis davon  gehabt haben könnte, dass eine dieser Gruppen einen Anschlag in den USA  verüben wird. Und sie haben vielleicht nichts getan, um diesen Anschlag  zu verhindern.</p>
<p>Hier misstrauen heute mehr Menschen als je zuvor der offiziellen  Version. Persönlich glaube ich nicht, dass es irgendeine Art von  ausgefeilter Operation war, in die weite Teile der staatlichen  Geheimdienstmaschinerie einbezogen waren. Viel wichtiger als die  Aufdeckung einer Verschwörung finde ich zu analysieren, welche  Auswirkungen »9/11« hatte und wie die Anschläge von den Machthabern für  ihre Kriegspläne benutzt wurden. Ich habe gerade ein Zitat in junge Welt  gelesen, wonach ein früher in Deutschland akkreditierter US-Botschafter  sagte: »Ich weiß nicht, was sie getan hätten, wenn der 11. September  nicht da gewesen wäre. Man hätte entweder nichts getan oder man hätte  einen anderen Anlass gefunden.« Die Anschläge boten den Imperialisten  die Gelegenheit, jene Teile der Welt zu erobern, die in einem bestimmten  Maß unabhängig waren. Wichtiger noch als der 11. September war die  Tatsache, dass die Sowjetunion nicht länger existierte. Egal wie man die  UdSSR einschätzt, so hat ihre bloße Existenz doch die Länder der  ehemals kolonialen Welt gestärkt.</p>
<p>In der Tat hat die Bush-Regierung nach dem 11. September sofort einen  Krieg gegen Afghanistan vom Zaun gebrochen und sich auch sofort dazu  verschworen, einen Krieg gegen Irak zu führen. Mitglieder des  Bush-Kabinetts haben Bücher geschrieben, die das enthüllen. George W.  Bush, Colin Powell und andere haben die Öffentlichkeit hundertfach  belogen, um den Krieg zu rechtfertigen. Das ist alles belegt. Jedoch hat  die Kenntnis dieser Verschwörung weder dazu geführt, die Bush-Bande  dafür zu bestrafen, noch hat es die Obama-Regierung daran gehindert, das  gleiche in Libyen zu tun.</p>
<p>Wir müssen gegen die Kriege mobilisieren und nicht nur auf die  Aufdeckung der Verschwörung setzen, wenn wir die Bereitschaft der Leute  zum Kampf fördern wollen.</p>
<p><span>US-Präsident  George W. Bush hat in der Folge den grenzenlosen »Krieg gegen den  Terror« erklärt und im Oktober 2001 mit Angriffen auf Afghanistan  begonnen. Die »Rache« schien vom Großteil der US-Amerikaner gewollt und  unterstützt. Gab es damals schon mahnende Stimmen, Gruppen, die den  Krieg ablehnten und die Anschläge mit der US-amerikanischen Außenpolitik  in Verbindung brachten?</span></p>
<p>Ich würde das anders ausdrücken. Die Bushregierung hatte sich  entschieden, in den Krieg zu ziehen. Die herrschenden Kräfte hier und  ihre Medien standen 100 Prozent dahinter, und nur sehr wenige Stimmen in  der Regierung und unter den gewählten Offiziellen sprachen sich dagegen  aus. Die Einmütigkeit war offensichtlich. Trotzdem war es damals  möglich, Menschen gegen diese Stimmung zu mobilisieren.  Merkwürdigerweise waren gerade Menschen, die in oder nahe New York  lebten, nachdenklicher und weniger rachsüchtig als jene in der Mitte des  Landes.</p>
<p>Es waren Menschen im linken, antiimperialistischen Flügel der  fortschrittlichen Bewegung, Pazifisten, Leute, die im Zusammenhang  standen mit fortschrittlichen Kirchen, die sich zum Protest  zusammenschlossen. Es gab nächtliche Mahnwachen in New York. Ende  September gab es eine Demonstration mit 7000 Teilnehmern in Washington,  die nein sagten zum Krieg gegen Afghanistan und dagegen, die Anschläge  als Vorwand für die Militarisierung des Landes auszunutzen.</p>
<p><strong>Wie schwer war es, sich schon vor zehn Jahren gegen den Terror des Krieges zu stellen?</strong></p>
<p>Anders als Sie vielleicht denken, war es nicht so schwierig, auf der  Straße zu demonstrieren. Natürlich nahmen anfangs nur ein paar Gruppen  das Risiko auf sich, isoliert zu werden. Andererseits bot sich  entschlosseneren antiimperialistischen Gruppen wie der unsrigen, so  klein sie auch war, die Gelegenheit, jenen eine Orientierung zu bieten,  die sich in dem damals massenhaft um sich greifenden Klima ernsthaft  fragten, »warum wurden gerade die USA angegriffen?«, und nach einer  Antwort suchten. Das konnte man sehen, als die Vorbereitungen auf den  Irakkrieg liefen und die Antikriegsbewegung zahlenmäßig am stärksten  war.</p>
<p>Es gab sogar Angehörige von »9/11«-Opfern, die dagegen protestierten,  dass die Regierung diese Opfer dazu benutzte, den Krieg zu  rechtfertigen.</p>
<p>Unter den US-Senatoren war keine Opposition auszumachen, wie es sie noch  1964 gab, als Senator Ernest Gruening aus Alaska und Wayne Morse aus  Oregon gegen die Golf-von-Tonkin-Resolution stimmten, die dem Krieg  gegen Vietnam die Tür öffnete. Nur ein paar vereinzelte Mitglieder des  US-Kongresses widersetzten sich, wie Barbara Lee aus Kalifornien und  Cynthia McKinney aus Georgia. McKinney hat gerade eine Tour durch mehr  als zwanzig nordamerikanische Städte beendet. Auf Veranstaltungen mit  zumeist mehreren hundert Zuhörern rief sie zur Mobilisierung gegen den  NATO-Krieg gegen Libyen auf.</p>
<p><span><strong>Die  Bush-Regierung hat die Käfighaltung von Gefangenen in Guantánamo  eingeführt und als »Terrorverdächtige« bezeichnete Muslime entführen und  foltern lassen. Welche Auswirkungen hatte diese Brutalisierung auf die  US-Bevölkerung?</strong></span></p>
<p>Wie fast alles, was die Bush-Regierung während ihrer achtjährigen  Amtszeit zu verantworten hatte, war die Einrichtung des  Guantánamo-Gefängnisses ein Verbrechen. Aber die große Mehrheit derer,  die in diesem Land über Macht und Geld verfügen, störte das nicht.  Folglich berichteten die Medien nur, welche Position die Regierung dazu  vertrat. Dagegen regte sich auch keine Massenbewegung. Es gab ein paar  fortschrittliche juristische Organisationen – wie z. B. das Center for  Constitutional Rights (Zentrum für Verfassungsrechte) –, die sich für  die Guantánamo-Gefangenen einsetzten und Rechtsbeschwerden gegen die  Regierung einlegten. Dies führte zur Freilassung einiger Gefangener und  zu dem Beschluß, keine Militärgerichtsverfahren durchzuführen. Obama  versprach, er werde Guantanámo schließen, aber es erfüllt immer noch  seine Funktion.</p>
<p>Großgeworden  scheint mir die Antikriegsbewegung in den USA erst nach dem Anwachsen  des Widerstands im Irak. Je mehr GIs dort starben, desto größer die  Ablehnung der Bush-Kriege.</p>
<p>Die größten Demonstrationen fanden statt, bevor der Krieg begann, im  Januar und Februar 2003. Das ist dann in den ersten Monaten der  Besatzung abgeflaut. Aber es gab im September 2005 noch eine gewaltige  Demonstration in Washington D.C. – kurz nachdem der Hurrikan Katrina New  Orleans verwüstet hatte. Dieser Protest reflektierte den Erfolg des  irakischen Widerstands, der vielen den Eindruck vermittelt hatte, es  könnte sich eine Situation wie während des Vietnamkrieges entwickeln. In  diesem Krieg führten der Heroismus der vietnamesischen  Befreiungskämpfer, die hohen Opferzahlen unter GIs und die Angst vor der  Einberufung zu massivem Widerstand an den Universitäten und unter der  gesamten Jugend. Das führte wiederum in der US-Armee zu einem stärker  strategisch ausgerichteten Widerstand unter den Mannschaftsgraden, der  anfing, die Stabilität des US-Militärs zu bedrohen. Und das alles  ereignete sich, als der Kampf der schwarzen Bevölkerung für Gleichheit  und Freiheit seine Hochzeit hatte und auf alle anderen Kämpfe  inspirierend wirkte.</p>
<p>Im Frühjahr 2006 schwächten sektiererische Kämpfe in der Folge des  suspekten Bombenanschlags auf die Al-Askari-Moschee (Goldene Moschee) im  irakischen Samarra den Widerstand. Unter den GIs gab es weniger Opfer.  Sowohl die Antikriegsbewegung zu Hause als auch die unter den Soldaten  nahm ab, obwohl sogar ein ansteigender Prozentsatz der Bevölkerung gegen  den Krieg eingestellt war, wie Umfragen zeigten.</p>
<p>Barack  Obama gewann mit der Maxime »Change« die Präsidentschaftswahlen 2008:  Er hatte angekündigt, die US-Truppen komplett aus dem Irak abzuziehen  und Guantánamo zu schließen. Beides wird er bis zum Ende seiner Amtszeit  nicht realisiert haben. Der »Krieg gegen den Terror« wurde dahingehend  beendet, dass die Obama-Regierung den Begriff nicht mehr benutzt –  gleichzeitig wurde die Zahl der US-Truppen in Afghanistan massiv erhöht  und gegen Pakistan ein »Drohnenkrieg« begonnen. Haben Sie die Hoffnung,  die viele in Obama gesetzt haben, geteilt und geglaubt, er würde nach  seinem Wahlsieg einen wirklichen Wandel in der US-Außenpolitik  einläuten?</p>
<p>Am Ende der Regierungszeit von George W. Bush atmeten Millionen  Menschen in- und außerhalb der USA erleichtert auf, weil sie hofften,  der US-Imperialismus werde nun die Kriege und Besatzungsregime beenden.  In den USA hofften auch viele, die Regierung der Demokratischen Partei  unter Barack Hussein Obama werde zumindest die Angriffe auf die Rechte  und den Lebensstandard der Arbeiter herunterfahren und die Bürgerrechte  der afroamerikanischen Bevölkerung verteidigen. Die mehr als elf  Millionen illegal eingewanderten Arbeiter in den USA hofften, Obamas  Amtsübernahme werde dazu führen, ihren prekären Status zu beenden.</p>
<p>In den USA mit ihrer Geschichte, die derart von der Sklaverei und der  Schreckensherrschaft über Menschen afrikanischer Herkunft durchwoben ist  – und angesichts des bis heute virulenten Rassismus –, hat die Wahl  eines Politikers mit einem afrikanischen Vater und einem muslimischen  Namen sicher enorm positive psychologische und symbolische Auswirkungen.  Die schwarze Bevölkerung hat zu über 95 Prozent für Obama gestimmt, bei  den Latinos und Latinas waren es 70 Prozent. Gewerkschaftlich  organisierte Arbeiter stimmten auch in ihrer großen Mehrheit für Obama.</p>
<p>Gleichzeitig hat Obama aber auch weitaus mehr Spenden von der Wall  Street erhalten als sein republikanischer Herausforderer John McCain.  Obama war akzeptabel für die herrschenden Kreise. Analytiker der  herrschenden Klasse wie Zbigniew Brzezinski und David Gergen sahen in  Obama wegen seiner Arbeit im US-Senat und wegen seines politischen  Wirkens in Chicago einen erfahrenen Politiker, der in der Lage wäre,  gemäßigte Republikaner und Demokraten dazu zu bringen,  zusammenzuarbeiten und Kompromisse einzugehen. Sie strebten eine  vereinigte politische Front an, um mit der Wirtschaftskrise fertig zu  werden, die im letzten Jahr der Bush-Regierung verheerende Wirkungen  zeigte.</p>
<p>Herrschende Kreise in Europa waren ebenfalls froh über Bushs Abgang,  weil seine Regierung vor allem in den ersten vier Jahren ihre Agenda auf  arrogante Weise durchgesetzt hatte, ohne die Interessen des  europäischen Imperialismus zu berücksichtigen. Europas Konzernmedien  vermittelten ein extrem positives Bild von Obama. Die Massenkundgebung  in Berlin im Juli 2008 vor seiner Wahl hatte sogar einen weitaus  größeren Zulauf als seine Wahlveranstaltungen in den USA. Kurz nach  seiner Wahl zum US-Präsidenten zeichnete ihn bereits das Nobel-Komitee  mit dem Friedensnobelpreis aus, obwohl er nichts dafür getan hatte,  irgendwo Frieden zu stiften.</p>
<p>Nachdem Obama gewählt war, teilte ich zwar die Freude darüber, dass das  politische Programm Bushs verworfen worden war, und mehr noch darüber,  dass es für einen Afroamerikaner möglich war, in den USA Präsident zu  werden, aber ich erwartete keine größeren Veränderungen in der  aggressiven Außenpolitik des US-Imperialismus. Selbst wenn Obama der  fortschrittliche und friedliebende Politiker gewesen wäre, als den ihn  so viele Menschen sehen wollten, wäre er immer noch ein einsames  Individuum im festen Griff enorm starker Kräfte der herrschenden Klasse  gewesen. Die Banken, die Ölkonzerne, der militärisch-industrielle  Komplex hätten alle Möglichkeiten, die Spielräume jedweder politischen  Figur einzuengen. Das galt noch mehr für jemanden wie Obama, der anders  als jene Politiker, die der herrschenden Klasse entstammten – wie  Franklin Roosevelt in den 1930er Jahren und John F.Ken Center for  Constitutional Rights nedy –, persönlich über keinen politischen Apparat  oder Verbindungen zur herrschenden Klasse verfügte, die er als Basis  für eine etwas unabhängigere Politik hätte nutzen können. Und obwohl er  kein Vorkämpfer für die Bürgerrechte der afroamerikanischen Bevölkerung  war, wurde er allein deshalb, dass er ein Afroamerikaner ist, sofort zur  Zielscheibe übelster rassistischer und reaktionärer Kräfte.</p>
<p>Das Pentagon machte deutlich, dass es die Kriegspolitik immer noch unter  Kontrolle hatte, als die Obama-Regierung im Sommer und Herbst 2009 ihre  Afghanistan-Politik einer Überprüfung unterziehen wollte. Mitten hinein  in diesen Prozess bot General Stanley McChrystal dem Präsidenten die  Stirn, indem er öffentliche Erklärungen über die absolute Notwendigkeit  einer »Truppenaufstockung« für Afghanistan abgab. Das unterminierte  Obamas Autorität. Der Präsident genehmigte die geforderte massive  Truppenverstärkung von 100000 Soldaten, womit er die Zahl der von Bush  entsandten Truppen verdreifachte. Als Gegenleistung bekam er nur die  vage Verpflichtungserklärung des Pentagon, im Juli 2011 mit dem Rückzug  zu beginnen. Wann auch immer der völlige Rückzug aus Afghanistan oder  Irak stattfinden wird, die Ursache dafür wird im Scheitern der  Besatzungsregime und der ungeheuren Belastung der Staatskasse liegen,  und er ist immer noch nicht geschehen. Unterdessen haben die USA unter  der Obama-Regierung ihre Intervention in Pakistan ausgeweitet und  Drohnenangriffe gegen Ziele in Jemen und Somalia gerichtet.</p>
<p><strong>Und wie sieht es mit den Gegenkräften in Ihrem Land aus?</strong></p>
<p>Nach einigen Jahren der Stagnation erlebt die Antikriegsbewegung  derzeit einen neuen Aufschwung. Am diesjährigen 9.April demonstrierten  mehrere zehntausend Menschen in New York City gegen die Kriege in  Afghanistan und Irak und die NATO-Aggression gegen Libyen. Forderungen  zur Beendigung der Kriege waren auch Teil der zahlreichen Proteste gegen  Sparhaushalte in Dutzenden von US-Bundesstaaten und Städten, wo Gruppen  junger Leute und Arbeiter, die sich von den Massenprotesten in Spanien  und dem Widerstand in Griechenland inspiriert und ermutigt fühlten,  Zeltdörfer errichteten.</p>
<p>Es ist schwierig, intelligent über die heutige US-Außenpolitik zu reden,  ohne auf die kapitalistische Wirtschaftskrise zu sprechen zu kommen.  Seit Obama sein Amt übernahm, hat es die Entwicklung dieser Krise für  ihn unmöglich gemacht, die Rolle zu spielen, die er eigentlich  übernehmen sollte, nämlich die des geschickten Politikers, der die  großen Kompromisse zwischen der Republikanischen und der Demokratischen  Partei herbeiführt. Die Arbeitslosigkeit hat sich 2009 offiziell rasch  auf zehn Prozent verdoppelt. In der Realität rechnet sich das auf mehr  als 17 Prozent Arbeitslose oder Unterbeschäftigte hoch – 25 bis 30  Millionen Menschen. Millionen Menschen sind Langzeitarbeitslose, die  keine Aussicht auf einen Job haben. Ganz besonders hart ist die  Situation in den afroamerikanischen und Latino-Gemeinden, wo die  Arbeitslosigkeit fast doppelt so hoch ist wie im Landesdurchschnitt;  noch höher ist sie unter jungen Arbeitern.</p>
<p>Auch wenn es bei Wahlen keinen wirklichen Unterschied zwischen  Republikanern und Demokraten gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass  es keine Massen¬opposition gegen die Kriegspolitik gibt, gegen  Immigrantenfeindlichkeit, gegen Sozialkürzungen und  gewerkschaftsfeindliche Kampagnen. Über diese von der Basis ausgehenden  Kämpfe wird in den USA selten in den Medien berichtet und noch weniger  im Ausland, aber seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 brodelt  es im ganzen Land.</p>
<p>Zur ersten großen Reaktion kam es in Wisconsin, das seit Februar 2011  Zentrum des Widerstands von unten war. Zu dem Zeitpunkt brachte der von  der neuen Rechten und der Tea Party unterstützte Gouverneur Scott Walker  ein Gesetz auf den Weg, mit dem nicht nur die Mittel für  Sozialeinrichtungen gekürzt werden sollten, sondern das Recht der  Arbeiter im öffentlichen Dienst beseitigt werden sollte,  Tarifverhandlungen kollektiv zu führen. Da sie mit dem Rücken zur Wand  standen, mussten sich die Dienstleistungsgewerkschaften von Wisconsin  zur Wehr setzen. Gleichzeitig ergriffen Studierende, die an den  Universitäten gegen Etatkürzungen kämpften, die Initiative und besetzten  das State Capitol in Madison.</p>
<p>Die vier Monate andauernde Mobilisierung der Arbeiter von Wisconsin war  seit Jahrzehnten eines der großartigsten Zeichen der Ausdauer, Stärke  und Organisationskraft der Gewerkschaften. Dieser Kampf löste national  und international eine Welle der Solidarität aus und führte zu einem  Anwachsen der öffentlichen Unterstützung für Gewerkschaften. Die  Aufstände in der arabischen Welt spiegelten sich darin wider, als  Arbeiter und Studierende in Madison T-Shirts mit dem Aufdruck »Walk like  an Egyptian« – »Marschier’ wie ein Ägypter«. Die achtzehntägige  Besetzung des State Capitol und die Massenkundgebungen erreichten ihren  Höhepunkt, als am 12.März geschätzte 185000 Demonstranten das Kapitol in  Madison umringten. Leider ist es heute wieder ruhiger geworden in  Wisconsin, und die Gewerkschaften konzentrieren sich darauf, eine  Abstimmung zur Abwahl von Gouverneur Walker durchzusetzen, um ihn vor  dem offiziellen Ende der Wahlperiode aus dem Amt zu vertreiben. Aber die  Ereignisse waren ein Beispiel dafür, was sogar unter den härteren  Bedingungen möglich sein kann, mit denen Werktätige in den kommenden  Jahren konfrontiert sein werden. Weil ich Optimist bin, zähle ich auf  das Entstehen einer breit verankerten Massenbewegung, in der sich die  organisierte Arbeiterschaft und die Gemeinden, in denen sie leben,  zusammenschließen, aber nicht nur, um für die Verteidigung der Arbeiter  und Armen zu kämpfen, sondern auch um den Versuch der imperialistischen  Großmächte zu vereiteln, die Welt zu rekolonialisieren.</p>
<p><span><strong>Was werden Sie an diesem 11. September machen?</strong></span></p>
<p>Am zehnten Jahrestag von »9/11« werde ich zusammen mit anderen  Aktivisten und Einwohnern New Yorks direkt dort sein, wo das World Trade  Center stand. Wir werden gegen eine rassistische Kundgebung  demonstrieren, die von antimuslimischen Kräften für diesen Tag geplant  ist. Mit dem breiten Bündnis »Emergency Mobilization Against Racism, War  and Anti-Muslim Bigotry« (Notfall-Mobilisierung gegen Rassismus, Krieg  und antimuslimischen Fanatismus), das sich 2010 formierte und zum  vorjährigen 11. September einen ähnlichen Gegenprotest mit einigen  zehntausend Teilnehmern organisierte, hoffen wir, erneut eine Kundgebung  zu übertönen, die diesmal sicher viel schwächer sein wird, aber dennoch  mit dem Ziel stattfindet, Hass und Angst zu erzeugen, um den Bau eines  Islamischen Zentrums in der Nachbarschaft von Ground Zero zu verhindern.</p>
<p>Unser Protest richtet sich auch gegen den Versuch der US-Regierung und  lokaler Verantwortlicher, die Gefühle derjenigen auszubeuten, die den  Verlust von Menschenleben am 11. September 2001 betrauern, um neue  Aggressionskriege rechtfertigen zu können. In der jetzigen Phase der  Wirtschaftskrise ist es vor allem wichtig, sich jenen Kräften  entgegenzustellen, die Immigranten und Muslime für die zunehmenden  Kürzungen der Sozialprogramme, das Anwachsen der Arbeitslosigkeit und  die fortgesetzten Kriege die Schuld geben wollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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